In den Jahren 2021 und 2022 wurden zahlreiche interessante und relevante Studien im
Bereich der Neurologischen Intensivmedizin veröffentlicht. Eine Auswahl von diesen
mit unmittelbarem Praxisbezug soll in der vorliegenden Arbeit zusammengefasst werden.
Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem peri- und postprozeduralen Management der endovaskulären
Therapie des Hirninfarktes, dem raumfordernden Hirninfarkt, der Tracheotomie beim
schweren Schlaganfall, dem Status epilepticus, dem Delir und der Meningitis.
Diese Zusammenstellung gibt einen Überblick über die vielfältigen Entwicklungen im
Bereich der Neurologischen Intensivmedizin und soll gleichzeitig Anregungen für den
klinischen Alltag und die Ausarbeitung wissenschaftlicher Fragestellungen bieten.
Einen tabellarischen Überblick und eine Kurzzusammenfassung gibt Tab. 1. Die einzelnen
Studien werden in den folgenden Abschnitten jeweils ausführlicher besprochen.
Originaltitel der Studie
Ergebnis/Zusammenfassung
General anesthesia versus sedation, both with hemodynamic control, during intraarterial
treatment for stroke: the GASS randomized trial [8]
Diese multizentrische randomisierte Studie zum periprozeduralen Management der endovaskulären
Therapie des Hirninfarktes konnte in Bezug auf den funktionellen Zustand nach 3 Monaten
keinen Unterschied zwischen der Allgemeinanästhesie und der alleinigen Sedierung,
begleitet von einem hämodynamischen Monitoring mit vordefinierten Grenzen, zeigen
Blood pressure after endovascular thrombectomy and outcomes in patients with acute
ischemic stroke: an individual patient data meta-analysis [16]
Eine Metaanalyse konnte unter Einbeziehung von mehr als 5500 Behandlungsfällen, die
eine endovaskuläre Therapie aufgrund eines proximalen Gefäßverschlusses erhielten,
einen statistischen Zusammenhang zwischen dem mittleren systolischen Blutdruck innerhalb
der ersten 24 h nach dem Eingriff und dem funktionellen Zustand nach 3 Monaten zeigen,
wobei ein höherer Blutdruck u. a. mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit für ein
günstigen funktionellen Zustand sowie einer höheren Wahrscheinlichkeit für ein Versterben
und eine Hirnblutung assoziiert war
Surgical decompression for space-occupying hemispheric infarction: a systematic review
and individual patient meta-analysis of randomized clinical trials [24]
In dieser Metanalyse zu den Effekten der dekompressiven Hemikraniektomie bei Betroffenen
mit raumforderndem Hirninfarkt zeigten sich, assoziiert mit der operativen Therapie,
eine reduzierte Sterblichkeit und eine verbesserte Chance für eine geringere funktionelle
Beeinträchtigung
Effect of early vs standard approach to tracheostomy on functional outcome at 6 months
among patients with severe stroke receiving mechanical ventilation: The SETPOINT2
randomized clinical trial [32]
Mithilfe eines randomisierten Designs zeigte diese multizentrische Studie keinen Vorteil
einer frühzeitigen, d. h. innerhalb der ersten 5 Tage erfolgten Tracheotomie im Vergleich
zu einem späteren Eingriff bei Patientinnen und Patienten mit schwerem ischämischem
oder hämorrhagischem Schlaganfall, bezogen auf den funktionellen Zustand nach 6 Monaten
Therapy delay in status epilepticus extends its duration and worsens its prognosis
[35]
Diese prospektive monozentrische Kohortenstudie lieferte für das Krankheitsbild des
Status epilepticus einen statistischen Zusammenhang zwischen der Latenz bis zur Therapieeinleitung
und der Dauer bis zum erfolgreichen Durchbrechen des Status, die ebenfalls mit der
Sterblichkeit insofern assoziiert war, sodass ein länger anhaltender Status epilepticus
mit einer vermehrten Sterblichkeit einherging
IGNITE status epilepticus survey: a nationwide interrogation about the current management
of status epilepticus in Germany [37]
Basierend auf einer Befragung deutscher Intensivstationen zeigte sich eine gute Adhärenz
gegenüber dem stufenweisen Behandlungskonzept des Status epilepticus, jedoch fanden
sich relevante Unterschiede hinsichtlich der Verfügbarkeit der EEG-Diagnostik zwischen
den Versorgungsstufen der Krankenhäuser und dem inhaltlichen Schwerpunkt der Stationen
Distribution of delirium motor subtypes in the intensive care unit: a systematic scoping
review [41]
In dieser Metaanalyse unter Einbeziehung von fast 14.000 Patientendaten aus dem intensivmedizinischen
Bereich zeigte sich anteilig das hypoaktive Delir als am häufigsten vorkommende Delirform,
gefolgt von der gemischten und der hyperaktiven Form, wobei die gemischte Form mit
der höchsten Sterblichkeit während des Intensiv- bzw. Krankenhausaufenthaltes assoziiert
war
Decline in the number of patients with meningitis in German hospitals during the COVID-19
pandemic [43]
Diese retrospektive multizentrische Sammlung von Behandlungsdaten zeigte einen zahlenmäßigen
Rückgang der in Deutschland im Jahr 2020 stationär behandelten Meningitisfälle gegenüber
den Vorjahren, einhergehend mit den implementierten Hygienemaßnahmen im Rahmen der
SARS-CoV-2-Pandemie
IGNITE „Initiative of German Neurointensive Trial Engagement“, EEG Elektroenzephalographie
Endovaskuläre Therapie des Hirninfarktes: peri- und postprozedurales Management
Originalpublikation
Maurice A, Eugène F, Ronzière T et al (2022) General anesthesia versus sedation, both
with hemodynamic control, during intraarterial treatment for stroke: the GASS randomized
trial. Anesthesiology 136:567–576.
In mehreren randomisierten Studien konnten positive klinische Effekte der endovaskulären
Therapie im frühen sowie im erweiterten Zeitfenster bei Patientinnen und Patienten
mit einem proximalen Gefäßverschluss gezeigt werden [1–3]. Endovaskuläre Verfahren
wie die mechanische Thrombektomie mithilfe eines Stent-Retrievers oder die Aspirationsthrombektomie
bzw. deren Kombination gehören mittlerweile zum Therapiestandard bei Betroffenen,
die einen proximalen Gefäßverschluss aufweisen und innerhalb von 6 h nach dem Symptombeginn
einer Behandlung zugeführt werden können. Aber auch außerhalb dieses Zeitfensters
wird die endovaskuläre Therapie empfohlen, wenn anhand bildbasierter Kriterien Indizien
für einen hierdurch positiv zu beeinflussenden Behandlungsverlauf vorliegen [4].
Hinsichtlich des periprozeduralen Managements verglichen mehrere, teils randomisierte
klinische Studien den Effekt der Allgemeinanästhesie gegenüber einer alleinigen Sedierung.
Eine diesbezügliche Metaanalyse ergab unter Einbeziehung von 3 randomisierten Studien
einen geringen, jedoch signifikanten Vorteil der Allgemeinanästhesie gegenüber der
alleinigen Sedierung in Bezug auf den funktionellen Zustand nach 3 Monaten [5]. Zu
einem vergleichbaren Ergebnis kam eine jüngere Metaanalyse, die 4 randomisierte Studien
berücksichtigte [6]. Damit konnten frühere Beobachtungen, die sich vorwiegend aus
retrospektiven Studien ableiteten und einen ungünstigeren Verlauf mit der Allgemeinanästhesie
in Verbindung brachten [7], nicht bestätigt werden. Wenngleich durch die vorhandenen
randomisierten Studien zweifelsfrei Evidenz geschaffen wurde, ergaben sich Einschränkungen
hinsichtlich der Übertragbarkeit in den klinischen Alltag insofern, als dass es sich
ausschließlich um monozentrische Studien handelte und unter Studienbedingungen Interventionen
streng per Protokoll und durch trainierte Teams erfolgten [5, 6].
In einer multizentrischen randomisierten Studie untersuchten nun Maurice et al. und
das „French Society of Anesthesiologists Research Network“ [8] die Effekte der Allgemeinanästhesie
im Vergleich zur alleinigen Sedierung bei Patientinnen und Patienten, die aufgrund
eines Hirninfarktes bei zugrunde liegendem proximalen Gefäßverschluss eine endovaskuläre
Therapie erhielten. Die Studie rekrutierte in 4 Zentren in Frankreich und konnte 351
Betroffene einschließen. Für die Auswertung standen letztlich Daten von 345 Behandlungsfällen
zur Verfügung (n = 176 in der Gruppe der Sedierung, n = 169 in der Gruppe der Allgemeinanästhesie).
Das Protokoll sah in der Gruppe der Allgemeinanästhesie die Narkoseeinleitung mit
Etomidat (0,25–0,4 mg/kgKG) und Succinylcholin (1 mg/kgKG) sowie eine bedarfsgerechte
Aufrechterhaltung („target controlled infusion“, TCI) mit Remifentanil (TCI-Zielspiegel:
0,5–4 ng/ml) und Propofol (TCI-Zielspiegel: maximal 4 µg/ml) vor. In der Gruppe der
Sedierung kamen Remifentanil (TCI-Zielspiegel maximal 2 ng/ml) und lokal appliziertes
Lidocain (10 mg/ml, maximal 10 ml) zur Anwendung. Zum Protokoll gehörte auch die Anwendung
von Noradrenalin mit einem Zielblutdruck von systolisch 140–185 mm Hg und einem diastolischen
Blutdruck von weniger als 110 mm Hg sowie einem mittleren arteriellen Blutdruck von
mehr als 65 mm Hg. Primärer Endpunkt war das Ausmaß der funktionellen Beeinträchtigung
nach 3 Monaten, beurteilt mit der „modifizierten Rankin-Skala“ (mRS). Als guter funktioneller
Zustand wurde eine mRS von 0–2 gewertet. Diesen erreichten 36 %1 der Betroffenen (n = 63)
infolge der alleinigen Sedierung und 40 % (n = 66) nach der Allgemeinanästhesie, sodass
sich kein signifikanter Gruppenunterschied zeigte (p = 0,474). Erwartungsgemäß war
die Dauer vom Erreichen des behandelnden Zentrums bis zur Leistenpunktion im Zusammenhang
mit der Allgemeinanästhesie gegenüber der Gruppe mit alleiniger Sedierung verlängert (69
vs. 60 min; p = 0,037). Die Dauer vom Symptombeginn bis zur Rekanalisation unterschied
sich dagegen mit 320 vs. 307 min zwischen den Behandlungsgruppen nicht signifikant
voneinander (p = 0,203). Ebenso zeigte sich kein Unterschied hinsichtlich intrakranieller
Blutungen, deren Häufigkeit mit 24 % (n = 42) in der Gruppe mit erfolgter Sedierung
und 22 % (n = 37) im Zusammenhang mit der Allgemeinanästhesie vergleichsweise hoch
erscheint (p = 0,642). Die kumulative Zeit einer Hypotension war in beiden Gruppen
nahezu identisch (218 vs. 228 min; p = 0,867). Die Rate an erfolgreichen Rekanalisationen,
definiert durch einen „Modified Thrombolysis in Cerebral Ischemia (mTICI) score“ 2b
oder 3, war mit 85 % (n = 144) in der Gruppe mit erfolgter Allgemeinanästhesie gegenüber 75 %
(n = 133) in der Gruppe mit alleiniger Sedierung signifikant höher (p = 0,021).
In dieser ersten multizentrischen randomisierten Studie von Maurice et al. [8] waren
die Allgemeinanästhesie und die alleinige Sedierung mit dem gleichen Behandlungsergebnis,
bezogen auf den Grad der funktionellen Beeinträchtigung nach 3 Monaten, assoziiert.
Die Überlegenheit eines dieser beiden Verfahren lässt sich somit nicht ableiten. Die
Ergebnisse reihen sich in die von früheren randomisierten Studien mit monozentrischem
Design ein. Die höhere Rate an erfolgreichen Rekanalisierungen im Zusammenhang mit
der Allgemeinanästhesie wurde auch in früheren Studien beobachtet [5]. Im Vergleich
zur alleinigen Sedierung sind durch die bestmögliche Reduktion von Compliance-Problemen
und motorischer Unruhe, wie sie typischerweise bei schwerer Betroffenen vorkommen,
durch die Allgemeinanästhesie verbesserte neuroradiologische Bedingungen entlang der
gesamten Prozedur denkbar, d. h. der Leistenpunktion, der Positionierung des Katheters
im entsprechenden Gefäßabschnitt und der eigentlichen Thrombektomie. Diese Perspektive
setzt allerdings eine zu jedem Zeitpunkt unmittelbar verfügbare und v. a. qualitativ
hochwertige Allgemeinanästhesie voraus, um ein Überwiegen des damit verbundenen Komplikationsrisikos
zu vermeiden. Weiterführende Untersuchungen könnten sich nun mit der Identifikation
von patientenspezifischen Kriterien beschäftigen, die eine Allgemeinanästhesie notwendig
machen. Denkbar wären zudem individualisierte Protokolle hinsichtlich der zum Einsatz
kommenden Medikamente.
Auch hinsichtlich des periprozeduralen Blutdruckmanagements werden weiterführende
Untersuchungen notwendig sein. Zuletzt hatte eine Arbeit von Chen et al. [9] in einer
Post-hoc-Analyse einen statistischen Zusammenhang zwischen einem erhöhten systolischen
bzw. mittleren arteriellen Druck vor der Rekanalisation und einem ungünstigeren Verlauf
beschrieben. Von besonderem Interesse ist in diesem Zusammengang die geplante Studie
„Individualized blood pressure management during endovascular treatment of acute ischemic
stroke under procedural sedation“ (INDIVIDUATE) [10], die einen individuell angepassten
Blutdruck (±10 mm Hg in Bezug auf den Blutdruck zum Vorstellungszeitpunkt, bei Einsatz
der systemischen Thrombolyse max. 180 mm Hg systolisch) gegenüber einem Blutdruckbereich
von 140–180 mm Hg systolisch in Bezug auf den funktionellen Zustand nach 3 Monaten
untersuchen wird.
Originalpublikation
Katsanos AH, Malhotra K, Ahmed N et al (2022) Blood pressure after endovascular thrombectomy
and outcomes in patients with acute ischemic stroke: an individual patient data meta-analysis.
Neurology 98:e291–301.
Das optimale Blutdruckmanagement im Anschluss an die endovaskuläre Therapie des Hirninfarktes
mit zugrunde liegendem proximalem Gefäßverschluss ist bislang nicht definiert und
wird mithin in der Scientific Community weiterhin kontrovers diskutiert [11]. Eine
im Jahr 2020 veröffentlichte Metaanalyse konnte unter Einschluss der Daten von 3 randomisierten
klinischen Studien, die sich mit dem periprozeduralen Management beschäftigten, zeigen,
dass eine Absenkung des mittleren arteriellen Blutdrucks unter 70 mm Hg über einen
Zeitraum von (auch kumulativ) 10 min sowie ein erhöhter mittlerer arterieller Blutdruck
von mehr als 90 mm Hg über eine Dauer von mehr als 45 min mit einem ungünstigeren
funktionellen Zustand nach 3 Monaten assoziiert sind [12]. Zuvor hatte eine umfangreiche
Untersuchung unter Nutzung einer multizentrischen Datensammlung einen statistischen
Zusammenhang zwischen einem systolischen Blutdruck von mehr als 140 mm Hg sowie einer
geringeren Wahrscheinlichkeit für das Erreichen eines guten funktionellen Zustands
(mRS 0–2), einer erhöhten Wahrscheinlichkeit zu Versterben und einer graduell erhöhten
Wahrscheinlichkeit für eine symptomatische intrazerebrale Blutung ergeben [13, 14].
Wenngleich es sich um Post-hoc- bzw. retrospektive Analysen handelte, wiesen diese
auf eine Bedeutung des Blutdrucks im Anschluss an die endovaskuläre Therapie hin.
Mit Spannung erwartet wurden die Ergebnisse der Studie „Safety and efficacy of intensive
blood pressure lowering after successful endovascular therapy in acute ischaemic stroke
(BP-TARGET)“ [15], die mit einem randomisierten Design die systolischen Blutdruckbereiche
100–129 mm Hg und 130–185 mm Hg miteinander verglich. Allerdings fanden sich zwischen
diesen beiden Gruppen keine Unterschiede hinsichtlich des Auftretens von Hirnblutungen.
Bei der Interpretation zu berücksichtigen ist allerdings der in der Gruppe mit höherem
Blutdruckbereich tatsächlich erzielte systolische Blutdruck von im Mittel 138 mm Hg,
der dem niedrigeren Blutdruckbereich von 100–129 mm Hg recht nahekommt.
In einer umfangreichen Metaanalyse untersuchten Katsanos et al. [16] nun die innerhalb
der ersten 24 h nach der endovaskulären Therapie erfassten Blutdruckwerte in Bezug
auf das Behandlungsergebnis. Eingeschlossen wurden 7 Kohortenstudien mit insgesamt
5874 Fällen. Primärer Endpunkt war der funktionelle Zustand nach 3 Monaten, beurteilt
mit der mRS. Als guter funktioneller Zustand wurde ein mRS 0–2 angenommen, welcher
von 2413 Betroffenen (45 %) erreicht wurde. Die Wahrscheinlichkeit, diesen Zustand
zu erreichen, war signifikant verringert im Falle erhöhter mittlerer systolischer
Blutdruckwerte (Odds Ratio [OR] 0,87 bei Zunahme um 10 mm Hg), die ebenfalls mit einer
erhöhten Sterblichkeit assoziiert waren (OR 1,15 bei Zunahme um 10 mm Hg). Ebenso
waren erhöhte mittlere systolische Blutdruckwerte mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit
für eine frühzeitige neurologische Verschlechterung (OR 1,14 bei Zunahme um 10 mm Hg)
und dem Auftreten symptomatischer intrakranieller Blutungen innerhalb der ersten 24 h
nach der endovaskulären Therapie (OR 1,2 bei Zunahme um 10 mm Hg) assoziiert. Das
Ausmaß der erreichten Rekanalisierung hatte dabei keinen zusätzlichen Einfluss auf
den funktionellen Zustand nach 3 Monaten (p = 0,91), den Anteil an Betroffenen mit
mRS 0–2 (p = 0,62), die Sterblichkeit (p = 0,33) sowie die Rate an symptomatischen
(p = 0,33) und asymptomatischen Blutungen (p = 0,73). Auch zeigten die Art des periprozeduralen
Managements (p = 0,72), der Kollateralstatus (p = 0,34), das Vorhandensein eines extrakraniellen
Verschlusses der A. carotis interna (p = 0,96) und die Anwendung der systemischen
Thrombolyse (p = 0,65) keinen zusätzlichen Einfluss auf den funktionellen Zustand
nach 3 Monaten.
Die Metaanalyse von Katsanos et al. [16] bestätigt mit einer suffizienten Stichprobengröße
den in früheren Untersuchungen sich abzeichnenden statistischen Zusammenhang zwischen
dem postprozeduralen Blutdruck und dem funktionellen Zustand der Betroffenen nach
3 Monaten. Die erfolgten Berechnungen mit jeweils gegebener Risikostratifizierung
für einen jeweils 10 mm Hg höheren mittleren systolischen Blutdruck während der ersten 24 h
nach der endovaskulären Therapie erscheinen hilfreich für die Gesamtbewertung. Der
optimale Blutdruckbereich bzw. eine Mindest- und Obergrenze des Blutdrucks im Nachgang
der Rekanalisation bleiben aber offen. Die Autoren selbst verweisen auf die Notwendigkeit
randomisierter kontrollierter Studien [16]. Die Ergebnisse der oben genannten Studie
BP-TARGET [15] verdeutlichen in diesem Zusammenhang jedoch, wie schwierig die Eingrenzung
eines optimalen Blutdruckbereichs auch in randomisierten Untersuchungen sein kann.
Auch dürften derartige Studien zunehmend schwieriger werden, weil in den meisten Zentren
vermutlich Blutdruckgrenzen zur Anwendung kommen, die deutlich unterhalb von 180 mm Hg
liegen.
Raumfordernder (maligner) Hirninfarkt
Originalpublikation
Reinink H, Jüttler E, Hacke W et al (2021) Surgical decompression for space-occupying
hemispheric infarction: a systematic review and individual patient meta-analysis of
randomized clinical trials. JAMA Neurol 78:208–216.
Durch die Einführung endovaskulärer Therapieverfahren scheinen raumfordernde (maligne)
Hirninfarkte weniger häufig vorzukommen [17]. Dennoch sind aufgrund der schlechten
Prognose des Krankheitsbildes mit einer Sterblichkeit bis zu 80 % [18] therapeutische
Optionen von entscheidender Bedeutung. Für die dekompressive Hemikraniektomie in einem
Zeitfenster von 48 h nach dem Symptombeginn wurden in randomisierten Studien bei Betroffenen
bis zum 60. Lebensjahr eine signifikante Reduktion der Sterblichkeit und eine geringere
funktionelle Beeinträchtigung gezeigt [19]. Für Betroffene mit einem Lebensalter von
mehr als 60 Jahren konnte eine randomisierte Studie ebenfalls eine signifikante Reduktion
der Sterblichkeit zeigen, jedoch wiesen Überlebende zumeist eine höhergradige funktionelle
Beeinträchtigung auf [20]. Diese Beobachtungen fanden Einzug in die Behandlungsempfehlungen
der Fachgesellschaften [21, 22]. Unter anderem wegen der vergleichsweise kleinen Fallzahlen
in den Einzelstudien zur dekompressiven Hemikraniektomie (z. B. n = 32 in [23]), ergeben
sich im Alltag dennoch Unsicherheiten bei der Übertragung der Studienergebnisse auf
die jeweilige klinische Situation und damit bei der Therapieplanung und Beratung Betroffener
bzw. deren Angehörigen.
In Form einer aufwendigen Metaanalyse fassten Reinink et al. [24] die aus randomisierten
klinischen Studien verfügbaren Daten zur dekompressiven Hemikraniektomie bei Betroffenen
mit raumforderndem Hirninfarkt zusammen. Hierbei wurden 7 Einzelstudien aus 6 Ländern
berücksichtigt, die in der Summe in einer Fallzahl von 488 resultierten. Primärer
Endpunkt war ein guter funktioneller Zustand nach einem Jahr, beurteilt mit der mRS,
die für dieses Kriterium einen Wert von 0–3 aufweisen musste. Dieser Endpunkt wurde
von 87 der 234 Patientinnen und Patienten (37 %) nach einer dekompressiven Hemikraniektomie
und nur von 37 der 254 Betroffenen mit rein konservativem Prozedere (15 %) erreicht
(p = 0,001), sodass sich ein Vorteil für die operative im Vergleich zur konservativen
Therapie ergab. Hinsichtlich der sekundären Endpunkte zeigte sich zudem eine Überlegenheit
der dekompressiven Hemikraniektomie in der sog. Shift-Analyse, in der die nach einem
Jahr erzielten Prozentränge der mRS in beiden Therapiegruppen verglichen wurden (p < 0,001).
Knapp 20 % der Betroffenen wiesen dabei einen vergleichsweise guten funktionellen
Zustand (mRS 2) infolge einer dekompressiven Hemikraniektomie auf, wohingegen dies
nur von etwa 5 % der Betroffenen ohne chirurgische Therapie erreicht wurde. In Subgruppenanalysen
wurde der Einfluss von soziodemografischen und krankheitsspezifischen Variablen auf
den funktionellen Zustand unter Berücksichtigung der Therapiegruppen (dekompressive
Hemikraniektomie vs. keine operative Therapie) untersucht. Bezogen auf den Anteil
der Betroffenen, die nach einem Jahr einen guten funktionellen Zustand erreichten
(mRS 0–3), war ein klarer Vorteil der Hemikraniektomie bei Betroffenen bis zum 60. Lebensjahr,
mit männlichem Geschlecht, mit schwerer neurologischer Beeinträchtigung, unabhängig
vom Vorhandensein einer aphasischen Störung und bei der alleinigen Einbeziehung des
Versorgungsgebietes der A. cerebri media eingrenzbar. Unter Anwendung der Shift-Analyse
zeigte sich ein Vorteil der Hemikraniektomie unabhängig vom Geschlecht und dem Vorhandensein
einer aphasischen Störung sowie der alleinigen Einbeziehung des Versorgungsgebietes
der A. cerebri media. Hinsichtlich des Alters und der Latenz vom Symptombeginn bis
zur Therapieentscheidung war lediglich in der Altersgruppe der 61- bis 70-jährigen
Betroffenen und jenseits des Zeitpunkts von 48 h kein Vorteil für die operative Therapie
erkennbar, wobei hier die vergleichsweise kleine Fallzahl als einschränkender Faktor
zu berücksichtigen ist.
Die Metaanalyse von Reinink et al. [24] liefert anhand einer suffizienten Stichprobengröße
wichtige Informationen zu der im klinischen Alltag relevanten Frage, welche Effekte
mit einer dekompressiven Hemikraniektomie beim raumfordernden Hirninfarkt erreichbar
sind. Demnach geht mit der Hemikraniektomie eine signifikant reduzierte Sterblichkeit
und im Falle des Überlebens eine deutlich bessere Chance für eine geringere funktionelle
Beeinträchtigung einher. Bezogen auf die Wahrscheinlichkeit, eine geringere funktionelle
Beeinträchtigung zu erzielen, scheint der Effekt der operativen Therapie unabhängig
von den im Alltag teilweise in die Argumentation einbezogenen Faktoren wie dem Vorhandensein
einer aphasischen Störung und einer das Versorgungsgebiet der A. cerebri media überschreitenden
Infarktausdehnung zu sein. Unsicherheiten bleiben bestehen bei Betroffenen, die verspätet
in die medizinische Behandlung eintreten und sich in einem Alterskorridor von 61 bis
70 Jahren befinden. Bei der Klärung noch bestehender Unsicherheiten und Eingrenzung
von Prädiktoren für den Behandlungsverlauf könnten Registerdaten helfen, für die Initiativen
bereits vorhanden sind (z. B. [25]). Erste Ergebnisse aus dem Register „Decompressive
surgery for the treatment of malignant infarction of the middle cerebral artery (DESTINY)
registry“ zeigen beispielsweise, dass dem Infarktvolumen vor der dekompressiven Hemikraniektomie
(p < 0,001) sowie dem Alter (p = 0,004) und der neurologischen Beeinträchtigung vor
dem Eingriff (p = 0,03), erfasst mit der National Institutes of Health Stroke Scale,
eine entscheidende Bedeutung zuzukommen scheint [26].
Tracheotomie bei schwerem Schlaganfall
Originalpublikation
Bösel J, Niesen WD, Salih F et al (2022) Effect of early vs standard approach to tracheostomy
on functional outcome at 6 months among patients with severe stroke receiving mechanical
ventilation: The SETPOINT2 randomized clinical trial. JAMA 2022; 327:1899–1909.
Der optimale Zeitpunkt einer Tracheotomie bei Patientinnen und Patienten mit prolongierter
mechanischer Beatmung war bereits Gegenstand früherer Untersuchungen, beispielsweise
nach Polytrauma [27], bei respiratorischer Insuffizienz [28], im Bereich der Kardiochirurgie
[29] und in einem gemischten Kollektiv [30]. Hierbei war kein klarer Vorteil einer
frühen, d. h. innerhalb der ersten Tage erfolgenden Tracheotomie gegenüber einer späteren
erkennbar. Teilweise waren positive Signale z. B. hinsichtlich der Beatmungsdauer
und der Rate an Pneumonie im Zusammenhang mit der frühen Tracheotomie erkennbar. Unter
Einbeziehung von insgesamt 60 Patientinnen und Patienten mit schwerem hämorrhagischem
oder ischämischem Schlaganfall konnten Bösel et al. [31] im „Stroke-related early
tracheostomy versus prolonged orotracheal intubation in neurocritical care trial“
(SETPOINT) keinen Vorteil für die frühe Tracheotomie hinsichtlich der Aufenthaltsdauer
auf der Intensivstation zeigen. Allerdings war die Sterblichkeit während des Aufenthalts
auf der Intensivstation und innerhalb von 6 Monaten nach einer frühen Tracheotomie
signifikant reduziert.
In SETPOINT2 von Bösel et al. sollte nun anhand einer größeren Stichprobe die Frage
des Zeitpunkts der Tracheotomie bei neurologischen Intensivpatientinnen und -patienten
bestmöglich beantwortet werden [32]. In dieser randomisierten kontrollierten Studie
mit verblindeter Endpunkterfassung konnten auf 26 neurologischen/neurochirurgischen
Intensivstationen in Deutschland und den USA insgesamt 382 Patientinnen und Patienten
im Zeitraum von 2015 bis 2020 rekrutiert werden, von denen 366 in die Analyse eingingen.
Zu den Einschlusskriterien gehörten neben einem hämorrhagischen oder ischämischen
Schlaganfall ein „Stroke-Related Early Tracheostomy score“ (SETScore) von mehr als 10
sowie die Einschätzung der betreuenden Intensivmediziner bzw. -innen, dass mit hoher
Wahrscheinlichkeit eine prolongierte Beatmung anzunehmen und damit auch die Indikation
zur Tracheotomie gegeben ist. Untersucht wurde die frühe Tracheotomie innerhalb der
ersten 5 Tage nach der Intubation (n = 177) gegenüber einer Tracheotomie ab dem 10. Tag
(n = 189). Der Median der Tracheotomie lag dabei bei 4 vs. 11 Tagen. Als primärer
Endpunkt wurde der funktionelle Zustand nach 6 Monaten gewählt, objektiviert mit der
mRS und dichotomisiert in 0–4 vs. 5–6. Diesen erreichten 44 % der Teilnehmenden (n = 77)
in der Gruppe der frühen Tracheotomie und 47 % (n = 89) in der Gruppe der späteren
Tracheotomie (p = 0,73). Bezüglich der sekundären Endpunkte unterschieden sich die
beiden Therapiegruppen nicht hinsichtlich der Sterblichkeit, dem Beginn des Respirator-Weaning,
der Dauer der Beatmung und der intensivmedizinischen Behandlung sowie dem Aufenthaltsort
nach der Entlassung (zu Hause, Krankenhaus, Rehabilitations‑, Pflegeeinrichtung, andere).
Bemerkenswert war der Anteil der durchgeführten Tracheotomien nach der Randomisierung:
In der Gruppe der frühen Tracheotomie erhielten 95 % der Teilnehmenden eine Tracheotomie
und in der Gruppe der späteren Tracheotomie nur 67 %, da – neben anderen Gründen –
entgegen der initialen Einschätzung einer notwendigen prolongierten Beatmung eine
Extubation bei 3 bzw. 43 Patientinnen und Patienten der Gruppe mit früher bzw. späterer
Tracheotomie gelang.
Wenngleich Patientinnen und Patienten mit schwerem Schlaganfall durch Symptome wie
eine anhaltende Bewusstseinsstörung oder eine relevante Dysphagie nicht zwangsläufig
mit denen mit Polytrauma oder einer isolierten respiratorischen Insuffizienz vergleichbar
erscheinen, zeigt SETPOINT2 von Bösel et al. [32] doch, dass auch im neurologischen
Intensivbereich kein Vorteil von einer frühen Tracheotomie auszugehen scheint. Die
Rate an durchgeführten, d. h. wirklich notwendig gewordenen Tracheotomien in der Gruppe
mit intendiertem späterem Eingriff bekräftigt zudem die in der frühen Phase des Behandlungsverlaufs
bestehende Unsicherheit hinsichtlich der Notwendigkeit einer Tracheotomie. Wenngleich
die Tracheotomie als eine in der Hand des Erfahrenen sichere Prozedur gilt, stellt
sie doch einen Eingriff mit entsprechendem Komplikationspotenzial dar, was bei der
Entscheidungsfindung und im Aufklärungsprozess der Betroffenen bzw. Angehörigen berücksichtigt
werden sollte.
Status epilepticus
Originalpublikation
Gutiérrez-Viedma Á, Parejo-Carbonell B, Romeral-Jiménez M et al (2021) Therapy delay
in status epilepticus extends its duration and worsens its prognosis. Acta Neurol
Scand 143:281–289.
Die im Jahr 2020 erschienene Überarbeitung der S2k-Leitlinie zum Status epilepticus
im Erwachsenenalter betont hinsichtlich der medikamentösen Therapie v. a. die ausreichend
hohe Dosierung der eingesetzten Substanzen [33]. In der ersten Stufe der Behandlung
bezieht sich dies auf die i.v.-Benzodiazepin-Gabe mit z. B. Lorazepam in einer Dosierung
von 0,1 mg/kgKG (max. 4 mg/Bolusgabe, ggf. eine Wiederholung). In der zweiten Stufe
werden Levetiracetam mit 60 mg/kgKG (max. 4500 mg) oder Valproat mit 40 mg/kgKG (max.
3000 mg) empfohlen bzw. das in Deutschland nichtverfügbare Fosphenytoin mit 20 mg/kgKG
(max. 1500 mg). Als Applikationsgeschwindigkeit werden in der aktualisierten Onlineversion
der Leitlinie für Levetiracetam und Valproat jeweils 10 min empfohlen [34], sodass
neben der ausreichenden Dosierung die schnelle Verfügbarmachung als wichtiger Bestandteil
der Behandlung des Status epilepticus angesehen wird. Unsicherheiten bestehen hinsichtlich
der Geschwindigkeit der Eskalation v. a. beim nonkonvulsiven Status epilepticus.
In einer prospektiven Kohortenstudie untersuchten Gutiérrez-Viedma et al. [35] zusätzlich
zu klinischen auch zeitabhängige Parameter, die mit der Dauer des Status epilepticus
und dem funktionellen Zustand nach 3 Monaten assoziiert waren. Hierfür wurden die
Daten von 83 Behandlungsfällen, die in einem Krankenhaus in Madrid (Spanien) aufgrund
eines Status epilepticus behandelt wurden, ausgewertet. Immerhin 36 % der Fälle (n = 30)
wiesen keine motorischen Symptome auf, und 23 % (n = 19) wurden als fokaler nonkonvulsiver
Status epilepticus mit Einschränkung des Bewusstseins gewertet. Als zeitabhängige
Parameter wurden u. a. erfasst: Zeitspanne bis zur notfallmäßigen medizinischen Versorgung,
bis zur Krankenhausaufnahme, bis zur Therapieeinleitung und bis zum Durchbrechen des
Status epilepticus, definiert als das Fehlen von entsprechenden klinischen und elektroenzephalographischen
Kriterien. Ein Durchbrechen des Status epilepticus gelang in 95 % der Fälle (n = 79).
Die verbleibenden 4 unkontrollierbaren Fälle verstarben, aber auch nach einem durchbrochenen
Status epilepticus starben weitere 13 Betroffene, sodass eine intrahospitale Gesamtsterblichkeit
von 21 % resultierte. Die Gesamtsterblichkeit innerhalb der ersten 3 Monate nach dem
Ereignis betrug 30 % (n = 25). Die Dauer bis zur Therapieeinleitung war u. a. signifikant
mit der Dauer bis zum Durchbrechen des Status epilepticus assoziiert (p < 0,001),
wobei eine Stunde der Therapieverzögerung mit einer 1,2-stündigen Verlängerung des
Status epilepticus einherging. Die Dauer bis zum Durchbrechen des Status epilepticus
war zudem signifikant mit der Sterblichkeit assoziiert: Intrahospital verstorbene
Patientinnen und Patienten wiesen im Mittel eine Statusdauer von 82 h auf, wohingegen
die mittlere Dauer des Status epilepticus bei Überlebenden 24 h betrug (p = 0,006).
Der Zusammenhang zwischen der Dauer bis zum Durchbrechen des Status epilepticus und
der Sterblichkeit bestand ebenso in der Subgruppe des nonkonvulsiven Status epilepticus.
Mit der Studie von Gutiérrez-Viedma et al. [35] verdichten sich die Hinweise, dass
beim Status epilepticus, insbesondere auch beim nonkonvulsiven Status epilepticus,
ein rascher Therapiebeginn und die zügige Eskalation mit dem Ziel des frühestmöglichen
Durchbrechens des Status epilepticus mit einem günstigeren funktionellen Zustand assoziiert
sind. Bezogen auf den Zeitpunkt i.v. verabreichter Sedativa (z. B. Propofol oder Ketamin),
wie diese in der dritten Behandlungsstufe des Status epilepticus zur Anwendung kommen,
hatten Madzar et al. [36] in einer retrospektiven Kohortenstudie bereits einen statistischen
Zusammenhang zwischen einer früheren Therapieeskalation und einer geringeren funktionellen
Beeinträchtigung zeigen können. Das Durchbrechen des Status epilepticus durch den
Einsatz von Sedativa gelang dabei umso schneller, je früher diese zum Einsatz kamen.
Originalpublikation
Kowoll CM, Klein M, Salih F et al (2022) IGNITE status epilepticus survey: a nationwide
interrogation about the current management of status epilepticus in Germany. J Clin
Med 11:1171.
In Deutschland existieren Therapieempfehlungen für den Status epilepticus u. a. in
Form einer Leitlinie [33]. Dennoch scheinen im Alltag für den therapierefraktären
und superrefraktären Status epilepticus sowie gerade für den nonkonvulsiven Status
epilepticus Unterschiede in der Behandlung vorzuliegen. Hauptursächlich ist wahrscheinlich
die geringe Evidenz bei der Therapie dieser Statusformen. Hinzu kommen individuelle
Erfahrungen und Präferenzen der Behandelnden sowie unterschiedliche Ressourcen in
der Diagnostik und der Möglichkeit der Therapieeskalation, die ein intensivmedizinisches
Setting voraussetzt.
Um die Behandlungsrealität des Status epilepticus in Deutschland abzubilden, untersuchten
Kowoll et al. [37] mithilfe einer webbasierten Befragung von Intensivstationen unterschiedlicher
Versorgungsstufen die diagnostischen Ressourcen und medikamentöse Therapieprinzipien.
Einbezogen wurden Intensivstationen mit einer Expertise im neurointensivmedizinischen
Bereich. Für die Auswahl nutzten die Autoren den Internetauftritt der Deutschen Gesellschaft
für Neurointensiv- und Notfallmedizin mit dort gelisteten Intensivstationen. Die verwendete
Onlinebefragung beinhaltete 49 Items, die neben strukturellen Merkmalen der Intensivstationen
(u. a. Verortung, Versorgungsstufe und Leitung der Station) auch diagnostische Ressourcen
und Therapiestandards adressierten. Von den 232 angesprochenen Intensivstationen gingen 83
Rückmeldungen (36 %) ein. Von diesen waren 36 (43 %) assoziiert mit Universitätskliniken
und 38 (46 %) waren unter einer neurologisch bzw. neurochirurgischen Leitung. Wenngleich
universitär verortete Intensivstationen signifikant mehr neurologische Fälle behandelten,
unterschieden sich die Anzahl der Betroffenen mit einem Status epilepticus sowie die
Form des Status epilepticus nicht zwischen universitären und nichtuniversitären Stationen.
Hinsichtlich der Verfügbarkeit der Elektroenzephalographie (EEG) meldete der Großteil
der Intensivstationen zurück, dass repetitive EEG-Ableitungen nur während der Kernarbeitszeit
an Werktagen (n = 49/71, 69 %) bzw. am Wochenende gar nicht (n = 46/71, 65 %) möglich
sind. Hinsichtlich der Verfügbarkeit repetitiver EEG-Ableitungen außerhalb der Kernarbeitszeit
war ein signifikanter Unterschied zugunsten universitär verorteter Intensivstationen
gegenüber nichtuniversitären Stationen vorhanden (p = 0,03). Die Verfügbarkeit einer
kontinuierlichen EEG-Ableitung war – allerdings nicht differenziert nach der Tageszeit
oder dem Wochentag – zumeist gegeben (n = 61/71, 86 %), mit einem numerischen Trend
zugunsten der universitär verorteten Stationen. Intensivstationen mit einer neurologisch
bzw. neurochirurgischen Leitung berichteten über eine signifikant höhere Verfügbarkeit
einer kontinuierlichen EEG-Ableitung (p = 0,016). Die Interpretation der EEG-Ableitungen
erfolgte zumeist durch Behandelnde, die dem intensivmedizinischen Team der jeweiligen
Station angehörten (n = 41/67, 67 %). Hinsichtlich der Therapie berichtete nur knapp
die Hälfte der Intensivstationen (n = 31/69, 45 %), stringent nach einer internen
SOP vorzugehen. Etwa ein Drittel der Intensivstationen (n = 26/69, 38 %) erklärte,
keine SOP zu haben, jedoch wendeten immerhin 23 der 26 ein vergleichbares Vorgehen
an. Hinsichtlich der medikamentösen Therapie bildete sich das Stufenkonzept zur Behandlung
des Status epilepticus exzellent ab: In der ersten Stufe kamen überwiegend Benzodiazepine,
in der zweiten Stufe überwiegend Antikonvulsiva und in der dritten Stufe überwiegend
Sedativa zum Einsatz. Als häufigste Substanzen wurden dabei mit großem Abstand im
Präparatevergleich innerhalb der Klassen Lorazepam, Levetiracetam und Propofol eingesetzt.
Für die Behandlung eines superrefraktären Status epilepticus setzten die befragten
Intensivstationen in absteigender Reihenfolge immunmodulierende Therapien (u. a. Steroide),
Magnesium, die ketogene Diät, eine Hypothermie, die Elektrokrampftherapie und Epilepsiechirurgie
ein. Dabei nutzten neurologisch bzw. neurochirurgisch geleitete Stationen die ketogene
Diät, eine Hypothermie und die Elektrokrampftherapie signifikant häufiger im Vergleich
zu Stationen mit anderer fachlicher Leitung. Als Therapieziel im Falle eines superrefraktären
Status epilepticus und der Anwendung von Sedativa veranschlagte der Großteil der befragten
Intensivstation (n = 61/69, 87 %) das Erreichen eines Burst-Suppression-Musters und
damit eine EEG-basierte Kontrolle des Behandlungserfolges. Hinsichtlich des Verlegungsmanagements
gab der Großteil der Intensivstationen (n = 52/69, 75 %) an, Betroffene mit einem
therapierefraktären oder superrefraktären Status epilepticus nicht in andere Abteilungen/Kliniken
zu verlegen. Im Vergleich zwischen universitären und nichtuniversitären Intensivstationen
verlegten allerdings signifikant mehr nicht universitär verortete Stationen (p = 0,002)
die Betroffenen, ebenso wie nicht neurologisch bzw. neurochirurgisch geleitete Stationen
im Vergleich zu den durch diese Disziplinen geleiteten Stationen (p = 0,016).
Insgesamt liefert die Studie von Kowoll et al. [37] wertvolle Daten zur Behandlungsrealität
des Status epilepticus in Deutschland. So wird deutlich, dass für die Diagnosestellung
und Behandlung notwendige repetitive EEG-Ableitungen überwiegend zur Kernarbeitszeit
und zumeist nur werktags verfügbar sind. Hinsichtlich der medikamentösen Therapie
des Status epilepticus bildet sich eine gute Übereinstimmung gegenüber der in der
Leitlinie enthaltenen Stufentherapie [33] ab. Bei komplizierteren Formen wie dem superrefraktären
Status epilepticus lassen die gefundenen Unterschiede in der Anwendungshäufigkeit
von Ansätzen (z. B. ketogene Diät) Unterschiede in der Expertise zwischen neurologisch
bzw. neurochirurgisch geleiteten Stationen und denen mit anderer fachlicher Leitung
erkennen. Die Autoren diskutieren daher die Etablierung hochspezialisierter Zentren
mit entsprechenden Netzwerkstrukturen für die Behandlung komplizierter Statusformen,
wodurch neben einer optimierten Versorgung auch eine datenbasierte Nutzen-Risiko-Bewertung
der Anwendung von Reservetherapien möglich werden könnte.
Delir
Originalpublikation
la Cour KN, Andersen-Ranberg NC, Weihe S et al (2022) Distribution of delirium motor
subtypes in the intensive care unit: a systematic scoping review. Crit Care 26:53.
Bis zu 80 % der intensivmedizinischen Behandlungsfälle entwickeln ein Delir mit im
Vordergrund stehender Störung der Aufmerksamkeit und Konzentration sowie der Orientierung,
des Gedächtnisses und des Bewusstseins mit fluktuierender Ausprägung, sodass es sich
um ein häufiges und klinisch relevantes Krankheitsbild handelt [38]. Zu den Risikofaktoren
zählt v. a. das Alter der Betroffenen [39]. Mit einem Delir sind u. a. eine längere
Beatmungsdauer und v. a. eine signifikant erhöhte Sterblichkeit sowohl während des
intensivmedizinischen Aufenthalts als auch in den nachfolgenden 28 Tagen assoziiert
[40]. Gegenwärtige Initiativen fokussieren auf eine Vermeidung des Delirs, dessen
Früherkennung sowie adäquate medikamentöse und nichtmedikamentöse Behandlungsstrategien
[38]. Im klinischen Alltag ergeben sich bei der Erkennung und beim Management des
Delirs allerdings relevante Herausforderungen, da neben dem klassischen hyperaktiven
Delir, das beispielsweise durch eine Agitation zügig erkennbar wird, auch hypoaktive
Formen und oft sogar Mischformen vorkommen.
In einer Metaanalyse untersuchten la Cour et al. [41] daher die Auftretenshäufigkeiten
der verschiedenen Formen des Delirs sowie deren medikamentöse Behandlung und die Behandlungsergebnisse
unabhängig vom inhaltlichen Schwerpunkt der Intensivstation. Im Rahmen einer Literatursuche
wurden 131 Studien identifiziert, die insgesamt 13.902 Fälle mit einem Delir beinhalteten.
Zumeist handelte es sich um prospektive Kohortenstudien (73 %), gefolgt von retrospektiven
Kohortenstudien (11 %). Erkennbar war eine Zunahme der Publikationen zum Thema Delir
innerhalb des Erfassungszeitraumes: So stammten 55 % der einbezogenen Arbeiten aus
dem Zeitraum 2016 bis 2020 und nur 2 % aus dem Zeitraum 2001 bis 2005. Die Inzidenz
des Delirs lag in den einbezogenen Arbeiten bei 22 % und die Prävalenz bei 38 %. Für
die Diagnosestellung wurden zumeist die „Confusion Assessment Method for the ICU“
(CAM-ICU) (87 % der Fälle), gefolgt vom „Diagnostic And Statistical Manual Of Mental
Disorders III–V“ (DSM III–V) (18 %) herangezogen. Als häufigste Form war das hypoaktive
Delir (50 %) abgrenzbar, wohingegen die gemischte (28 %) und die hyperaktive Form (23 %)
deutlich weniger häufig auftraten. Intensivmedizinisch Behandelte mit einem Delir
waren im Mittel 67 Jahre alt und erhielten in 66 % der Fälle eine auf das Delir bezogene
Pharmakotherapie. In absteigender Reihenfolge kamen dabei zum Einsatz: Neuroleptika (50 %),
Propofol (42 %), Benzodiazepine (40 %) und α2-Agonisten (26 %). Patientinnen und Patienten
mit einem gemischten Delir erhielten gegenüber den anderen Formen häufiger Neuroleptika,
α2-Agonisten, Benzodiazepine und Propofol. Die gemischte Form des Delirs hielt am
längsten an (im Mittel 4 Tage) und war mit einem längeren Aufenthalt auf der Intensivstation
sowie im Krankenhaus assoziiert. Bezogen auf die Sterblichkeit während des Intensiv-
bzw. Krankenhausaufenthalts war die gemischte Form des Delirs mit dem höchsten Risiko (30
bzw. 33 %) assoziiert, wobei sich für das hypodynamische Delir eine Sterblichkeit
von immerhin 28 bzw. 27 % sowie für das hyperdynamische Delir eine Sterblichkeit von 22
bzw. 30 % fanden.
Die Arbeit von la Cour et al. [41] trägt zu einem verbesserten Verständnis des im
intensivmedizinischen Setting vorkommenden Delirs bei und lenkt den Fokus dabei v. a.
auf das hypoaktive und das gemischte Delir. Neben der Sensibilisierung der intensivmedizinisch
tätigen Teams erscheinen nun weiterführende Untersuchungen sinnvoll, um effiziente
Instrumente für das Screening speziell dieser Typen zu entwickeln.
Meningitis
Originalpublikation
Völk S, Pfirrmann M, Koedel U et al (2022) Decline in the number of patients with
meningitis in German hospitals during the COVID-19 pandemic. J Neurol 269:3389–3399.
In den vergangenen Jahren konnte durch den Einsatz von Vakzinen gegen die typischen
Erreger Streptococcus pneumoniae, Neisseria meningitidis und Haemophilus influenzae
eine Reduktion der Inzidenz der bakteriellen Meningitis erzielt werden. Dennoch handelt
es sich um eine schwerwiegende Erkrankung, deren suffiziente Behandlung an das frühzeitige
Erkennen und die unmittelbare Einleitung einer antiinfektiven Therapie sowie eine
vorhandene Empfindlichkeit des Erregers gegenüber dem eingesetzten Antiinfektivum
geknüpft ist [42]. Zudem dürften je nach Erreger hygienische Maßnahmen in mehr oder
weniger großem Ausmaß eine Rolle für die Übertragung spielen und somit einen Effekt
auf die Inzidenz der Meningitis haben. Im Rahmen der SARS-CoV-2-Pandemie kamen zahlreiche
Hygienemaßnahmen zur Anwendung, die mutmaßlich zu einer Reduktion von Atemwegsinfektionen
abseits von COVID-19 führten.
Die Arbeit von Völk et al. [43] untersuchte nun das Auftreten von bakteriellen und
viralen Meningitiden sowie Enzephalitiden im Zeitraum von 2016 bis 2020 unter besonderer
Berücksichtigung der im Jahr 2020 implementierten Hygienemaßnahmen. Hierfür wurden
in einer retrospektiven Erhebung Daten von 26 Deutschen Krankenhäusern aus 10 Bundesländern
zusammengetragen und anhand der „International Classification of Disease and Related
Health Problems“ (ICD) die jährliche Anzahl der stationären Behandlungsfälle mit entzündlichen
Erkrankungen des Zentralnervensystems (ZNS) erfasst. Für Streptococcus-pneumoniae-vermittelte
Meningitiden war im Jahr 2020 ein signifikanter Rückgang der stationären Behandlungsfälle
gegenüber 2019 (n = 64 in 2020, n = 120 in 2019; p < 0,001) sowie den vorausgegangenen
Jahren nachvollziehbar (n = 104 in 2018, n = 87 in 2017, n = 87 in 2016; p jeweils
< 0,0125). Ein ähnliches Bild zeichnete sich für unspezifizierte bakterielle Meningitiden
mit n = 318 im Jahr 2020 und n = 386 im Jahr 2019 (p < 0,001) ab. Auch die Zahl unspezifizierter
viraler Meningitiden war mit n = 235 im Jahr 2020 gegenüber n = 350 im Jahr 2019 signifikant
(p < 0,001) reduziert. Eine besonders starke Reduktion zeigte sich für Enterovirus-assoziierte
Meningitiden mit n = 25 im Jahr 2020 und n = 116 im Jahr 2019 (p < 0,001). Eine signifikante
Reduktion im Jahr 2020 gegenüber dem Vorjahr war unabhängig vom Alter der Betroffenen
zudem für Herpesviridae-assoziierte Meningitis und Enzephalitis erkennbar (p zwischen
0,010 und < 0,001), wohingegen für die Varizella-zoster-Virus(VZV)-assoziierte Meningitis
nur in der Gruppe der über 65-Jährigen eine signifikante Reduktion nachzuvollziehen
war (p < 0,001).
Wenngleich die Arbeit von Völk et al. [43] naturgemäß nur einen statistischen Zusammenhang
zwischen der Anzahl entzündlicher ZNS-Erkrankungen und den im Jahr 2020 implementierten
Hygienemaßnahmen darstellen kann, liegt ein kausaler Zusammenhang durch die allgemeine
Reduktion von Atemwegsinfektionen infolge der Hygienemaßnahmen doch nahe. Unter den
Bemühungen, die auf eine Reduktion von Meningitiden und Enzephalitiden abzielen, scheinen
hygienische Maßnahmen neben den etablierten Vakzinen gegen die häufigsten Meningitiserreger
einen relevanten Effekt zu besitzen. Möglicherweise lassen sich diese Erkenntnisse
nutzen, um mit gezielten hygienischen Maßnahmen auch außerhalb von Pandemien besondere
Risikogruppen vor einer Primärinfektion zu schützen oder Übertragungen z. B. in Gemeinschaftsunterkünften
frühzeitig zu verhindern.